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Warum Sensitivität kein Fluch sein kann

5. Aug.
8 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 6. Aug.



Lobgesang auf unsere Hochsensibilität


Hochsensibilität ist Fluch und Segen zu gleich.

„Hä?“, fragte ich mich, als ich das zum ersten Mal hörte.

Wieso Fluch?“

Der Satz fühlte sich sofort falsch für mich an. Irgendetwas stimmte nicht daran.


Als ich jedoch vor ca. 25 Jahren das Wort: Hochsensibilität las, wusste ich sofort, dass es richtig für mich war.


Aber bei dem Wort Fluch, zog sich augenblicklich alles in mir zusammen.

Denn für mich war meine Sensitivität immer schon reine Freude. Deshalb begann ich nachzuforschen, was die anderen mit diesem Sensibilitätsfluch meinen könnten.


Dabei traten unterschiedliche Ursachen zu Tage:


Zum einen schrieben viele Menschen ihre Anstrengungssymptome oder Herausforderungen der Sensitivität zu. Dabei handelt es sich jedoch häufig um Symptome, die als Folgen von Traumata auftreten.

Darauf werde ich als "Laie" hier nicht näher eingehen. Wenn du dich jedoch davon angesprochen fühlst, empfehle ich dir, dass zuerst bei Ärzten, Psychologen, Coaches oder Psychiatern abzuklären und dir Unterstützung zu holen.


Zum anderen beschrieben viele „Fluch“-Symptome, die wir als sensitive Menschen wohl alle kennen.

Zum Beispiel:

- Reizüberflutung: Lärm, helles Licht, starke Gerüche oder große Gruppen strengen uns extrem an.

- Schnelle Erschöpfung: Unser Gehirn verarbeitet am Tag viel mehr Eindrücke als bei anderen Menschen.

- Wir erleben immer wieder Gefühlschaos oder fühlen uns von unseren Gefühlen überfordert, weil wir intensiv fühlen und eigene oder auch fremde Sorgen oft zu uns nehmen und tragen.


Ich kenne das alles. Sowohl die Folgen von Traumata als auch die eben genannten Herausforderungen.


Aber zum Glück habe ich meine Schwierigkeiten nie der Sensitivität angekreidet.

Ich dachte oft, dass die Welt wirklich seltsam ist, aber nie gedacht, dass meine Feinsinnigkeit für meine Schwierigkeiten verantwortlich ist.

Zudem habe mir schon früh viel Hilfe und Unterstützung von Ärzten, Therapeuten und anderen Lehrern geholt, um insbesondere die Folgen von Traumatas loszulassen und zu heilen. Denn rückblickend waren es nur diese Trauma-Folgen, die mich leidvolle Erfahrungen machen ließen.


Zum Glück hatte ich nie den Eindruck, dass meine Sensibilität mein Problem war. Ich bin gar nicht auf die Idee gekommen, ihr die „Schuld“ dafür zu geben. Viel mehr empfand ich die gesellschaftlichen Bedingungen oder die Einstellungen der Menschen als das Problem, was mir das Leben erschwerte.


Sowohl mit meinem aktuellen Bewusstsein als auch aus meiner damaligen Sicht konnte meine Sensitivität nichts dafür, dass mein Leben sich so anfühlte, wie es sich anfühlte.


Und das ist aus meiner Sich enorm wichtig. Weil ich durch meine positive Sicht darauf und mein angenehmes Gefühl dazu auch viel mehr Positives erlebe.


Zusätzlich ist es auch enorm wichtig, dass wir uns unser Leben passend für uns selbst gestalten.


Wenn ich ein Kreis bin, dann passe ich nicht in ein dreieckiges Umfeld. Also ist es meine Aufgabe, loszugehen und mir eine Umgebung zu suchen und zu kreieren, in die ich mich als Kreis ganz harmonisch integriere und einfüge.


Nochmal zur Reizüberflutung:

Da ich sie früher auch öfters erlebte weiß ich wie unerträglich sie sich anfühlt.

Deshalb habe ich quasi gleich nach jeder dieser unangenehmen Erfahrungen nach Wegen gesucht und diese auch gefunden, um der Reizüberflutung nicht mehr ausgesetzt zu sein.


Hier ein paar Beispiele:


-Keine Shoppingtouren mehr mit meinen Freundinnen, da die viel länger durch die Geschäfte bummeln können als ich.


- Keine Festivals besuchen / keine Großveranstaltungen

Ich war als Jugendliche genau auf einem OpenAir-Festival, weil meine Freundesclique dort hinfuhr. … und danach nie wieder, weil ich dann wusste, dass es für mich mit mehr Anstrengung als mit Freude verbunden war. Alles war zu viel, zu voll und zu laut für mich. Also bin ich seither nur noch auf kleine Konzerte gegangen und war fein damit.


- Ich meide Großstädte wenn es geht.


- Großen Familienfeste

Obwohl mir das Gewusel oft zu viel war wollte ich hin, weil ich gerne mit ihnen zusammen bin und uns viel Liebe verbindet, obwohl wir alle ganz unterschiedlich sind.

Gleichzeitig erlebte ich dort auch oft zu viel Remmidemmi, es war zu laut oder es gab zu viel Triggerpotential.

Meine Lösung war: Während des Treffens immer wieder alleine kleine Spazierpausen einzulegen oder mal ums Haus zu verschwinden, um tief durchzuatmen und wieder bei mir und in meinem Körper anzukommen. Oder auch die Gespräche mit einzelnen dabei zu suchen. Die Triggerpotentiale verringerten sich von mal zu mal, weil ich mich ihnen konsequent stellte und durch meine ganze Hilfe und Begleitung lernte, diese zu lösen und anders zu denken, sprechen und zu handeln.


- Auf Partys war ich immer die erste, die wieder nach Hause ging, obwohl ich gleichzeitig immer diejenige war, die als erste auf der Tanzfläche stand. So lang ich eben konnte, tanzte ich beglückt und beseelt. Und meistens war es dann nach einer, spätestens zwei Stunden genug für mich. Dann verabschiedete ich mich und war fein damit.


- Meine Ruhezeiten und meine Me-Time waren mir schon immer heilig. Dafür habe ich schon vor über fünfundzwanzig Jahren auf Fernsehen, Nachrichten oder oft auch auf Treffen mit lieben Freunden oder auf schöne Events verzichtet. Und das war sehr stimmig für mich. Weil Ruhe immer so heilsam für mich war.


- Viel Körperübungen und Meditation gelernt.

Als ich mich auf meinen persönlichen Heilungsweg begab, erkannte ich schnell, dass es mir schwer fiel, mit meiner Aufmerksamkeit bei mir zu bleiben und mich selbst wahrzunehmen. Anstatt dessen war ich mit meinen Wahrnehmungsantennen fast permanent im Außen bei anderen Menschen und in meiner Umgebung als bei mir zu sein und mich selbst zu spüren. Also war das lange mein vorrangiges Ziel: Mich selbst wahrzunehmen.


Unsere Sensitivität bietet uns viele Chancen und gleichzeitig Herausforderungen, weil unsere Gesellschaft gerade so ist wie sie ist.

Und eines unserer wichtigsten Aufgaben dabei ist eine gesunde Abgrenzung. Nämlich unseren eigenen Schutz und entsprechende Ruhepausen zu finden, um im Alltag bei uns und geerdet zu sein.


Meine Arbeit als Grundschullehrerin zwang mich dazu im besonderen Maße. Die Umstände, die ich dort erlebte waren von außen betrachtet erst mal Gift für meine sensitiven Persönlichkeitsaspekte.

Und dennoch war mir schon damals klar, dass meine Sensibilität keine Verantwortung für meine Probleme am Arbeitsplatz trug, der überwiegend sehr laut und voller Gewimmel war.


Ich entschied mich aus verschiedenen Gründen für ein Lehramtsstudium und arbeitete dann fast dreißig Jahre (gerne) in der Schule, wo jeden Tag mindestens hundert Grundschulkinder wiederholt und laut nach mir riefen.


Ich fühlte mich anfangs manchmal noch als Opfer der Schulumstände bis ich vollends begriff, das es ja meine Entscheidung gewesen war, diesen Beruf zu wählen. Wenn ich die Umstände dort nicht gewollt hätte, wegen des ganzen Kindergewimmel und -geschreis, hätte ich bereits nach meinem ersten Praktikum einen anderen Weg einschlagen können, denn ab dem Zeitpunkt wusste ich was mich dort erwartete.

 

Aber ich wollte gerne Lehrerin sein, weil es mir auch viel viel Spaß machte. Also fand ich Lösungen, um die dort vorhandene Reizflut zu minimieren:


- Ich habe während des Unterrichts Stillezeiten eingeführt, in denen gar nicht gesprochen wurde und die die Kinder genau so liebten wie ich.

- Ich hielt mir die Ohren zu, wenn ich Pausenaufsicht machen musste und alle Kinder herum liefen und schrien.

- Auch als Sportlehrerin habe ich mir oft meine Ohren zugehalten.

- Ich machte mir immer wieder vorher klar, was ich genau wollte, um danach mit den Kindern darüber zu sprechen und gemeinsam eine Regel dafür zu finden, die dann alle akzeptieren konnten.

- Wenn die Kinder mit mir sprechen oder mir etwas zeigen wollten, gab es eine Reihe (Schlange), an die sie sich anstellten, so dass ich immer nur mit einem Kind sprach und die anderen in der Reihe, möglichst ruhig, warteten.

Usw.


Das Schlimmste in dem Job war für mich der Schwimmunterricht, da zu dem ganzen Kinderlärm noch der Hall des Schwimmbades hinzukam und zusätzlich diese drückende Luft und andere Menschen im Bad.

Es war nicht möglich, mir dort permanent die Ohren zuzuhalten während des Unterrichts oder wenn ich all den Kindern beim Umziehen und Föhnen helfen musste.

Deswegen ging ich irgendwann zu einem Arzt und bat ihn um Hilfe, damit ich mit dieser Situation besser klar kommen würde.

Er sagte, dass er nicht genau wüsste wie er mir da helfen könnte, ich aufhören sollte zu meditieren (das würde mich nur noch sensibler machen) und mir höchstens eine Desensibilisierungspille verschreiben könnte.

Desensibilisierung?

Schon während er das Wort aussprach, schüttelte ich den Kopf. Auf meine wunderbare Sensitivität verzichten? Das ging gar nicht für mich.

Also sammelte ich Befunde und Unterlagen von verschiedenen Spezialisten und Ärzten, inclusive einer Diagnose über Hyperakusis, die dann nach ein paar Jahren dazu führte, dass ich vom Schwimmunterricht als Lehrerin befreit wurde.


Ja, Reizüberflutung fühlt sich wirklich schlimm an.

Aber wir dürfen nicht vergessen, dass wir jederzeit die Wahl haben, wie wir unser Leben gestalten. Und das kann sich nur gut anfühlen, wenn wir auf unsere Besonderheiten mit der Hochsensibilität Rücksicht nehmen und uns unser Leben passend kreieren.


Da mir meine Sensitivität so unendlich viele Vorteile bietet, bin ich wirklich gerne bereit, für mich zu sorgen und auf sie Rücksicht zu nehmen.


Zum Glück war mir das schon als als „ahnungslose“ Jugendliche bewusst, so dass ich immer automatisch Ruhepausen und Zeit für mich allein in mein Leben einbaute, ohne das es mir jemand sagen musste.

Es war ja deutlich spürbar für mich, dass ich nicht so viel tun und aushalten konnte wie der Rest meiner Familie oder meine Freundesclique.

Ich wunderte mich immer wieder darüber, dass die anderen so viel mehr abarbeiteten und schafften und anscheinend viel weniger Ruhe brauchten als ich. Oftmals wurde ich gefragt, warum ich mich denn schon wieder zurück ziehen wollte.

Damals erklärte ich mich meinem Umfeld noch eher etwas schuldbewusst (weil es eine Weile dauerte, bis ich mich selbst so annehmen konnte wie ich war), aber es hielt mich nicht davon ab, mir mein Leben immer passender für mich zu gestalten.

Wenn mir etwas nicht gut tat, dann führte ich eine Veränderung ein, damit mein Leben wieder besser wurde.

Und das habe ich bis heute beibehalten. Ich passe mein Leben meinen Besonderheiten an und liebe meine Sensitivität.


Selbstfürsorge und Selbstliebe sind wesentliche Schlüssel für unser sensitives Wohlbefinden.


Wie kann ich meine Sensitivität als Fluch bezeichnen, wenn ich doch die Co-Kreatorin meines Lebens bin und so viel Entscheidungsmöglichkeiten FÜR MICH habe?

Das erscheint mir unlogisch.

Ich trage die Verantwortung für meine Gefühle – eben auch dafür, wie ich meine Sensitivität empfinde.


Wir erleben Sensitivität um so mehr als Segen, je mehr wir unser Herz für uns selbst öffnen.


Deshalb möchte ich dich abschließend mit den positiven Aspekten davon, so wie ich sie erlebe, inspirieren.


Sensitivität ist für mich ein reiner Segen, weil wir


- die Welt durch sie sinnlich und genussvoll erfahren können

- uns häufig mit Gott, dem Universum, der Liebe oder dem großen Ganzen verbunden fühlen und uns das enorm stärkt

- mit der intensiven Wahrnehmung eine Gabe für feine Zwischentöne haben und dadurch viel mehr Verständnis und Mitgefühl aufbringen können.

- herrliche Momente intensiv mit ihnen genießen

- nicht nur materielle Dinge sondern auch Energien wahrnehmen

- die feinen, wohltuenden Schwingungen unserer Herzenergie wahrnehmen können

- unsere feinen Körperreaktionen wahrnehmen, die uns auf anrollende Krankheiten hinweisen

- damit intensiv Freude fühlen können

- sinnliche Körpererfahrungen bei Massagen, Streicheln ect spüren

- Meeresrauschen beruhigend und stärkend damit im ganzen Körper spüren

- mit ihr unsere Nahrung wirklich genießen können

- Tiefgang statt Oberflächlichkeit erleben in Kunst, Musik und Natur

- empathisch sind und andere Menschen ohne viele Worte verstehen und tiefe, nährende Verbindungen aufbauen

- feine Antennen für kleinste Details in der Umwelt haben, die uns hilfreiche Informationen liefern

- durch die ganzen zusätzlichen Informationen auch kreativer im Denken werden, denn unser reiches Innenleben hilft uns bei neuen Ideen und Lösen von Problemen.

- mit ihr die Stimmen der Natur hören können

- mit ihr die Energie von Farben wahrnehmen können und spüren, welche Farbe uns gut tut, und Energie schenkt

- mit unserer Sehnsucht nach Tiefe, unserer Seelenenergie auf die Spur kommen und Zugang zu unserem Lebenssinn finden

- uns tief verbunden fühlen können, eins zu sein mit der Natur, der Umwelt und dem Leben.

- häufig eine starke Verbindung zu unserer Intuition haben und öfter sehr intuitiv reagieren

- häufige Vorahnungen oder ein tiefes inneres Wissen haben, das ohne logisches Denken auskommt.

- in Kontakt mit lichtvollen, feinstofflichen Wesen treten können wenn wir es wollen

- innere bereichernde Berührung erleben mit Liedern, Menschen, Filmen, Liedern

- Wärme und Kälte sinnlich erfahren können

- stärkende belebende Energien Natur-Energien wahrnehmen können


und und und


.. mein Super - Bonus der Sensitivität ist für mich, dass sie uns ermöglicht, unsere Seelenenergie zu spüren und in Kontakt mit unserer Seele zu sein.


Wenn du das einmal erlebt hast, willst du mehr davon. Weil es das einzige ist, was uns wirklich tiefes Glück, unabhängig von äußeren Umständen, erfahren lässt.

Es gibt nichts anderes, was zu so viel Frieden, Liebe, Ruhe, Entspannung, ganz einfach zu dem Gefühl von ERFÜLLUNG führt.


Wie kann etwas ein Fluch sein mit dem wir ganz natürlich auf die Welt kommen? Und das ein Ausdruck unserer Seele ist, die uns unser Leben hier erst ermöglicht.

Deshalb kann Sensibilität für mich kein Fluch und nur reiner Segen sein.


Wie empfindest du sie?

 
 
 

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